Kolumne - Elena Raulf

Ungewisse Zukunft ​

Seit 13 Jahren betreibt Herr Malik sein Blumengeschäft in der Schalterhalle des U-Bahnhofs Klosterstern direkt gegenüber vom Kiosk von Herrn Taneja, über den ich bereits berichtete. Nun droht beiden das Aus. Zum 31.03.2015 wurde ihnen gekündigt, am 01.04.2015 soll hier die Sanierung der Schalterhallte beginnen, im Sommer dann im Rahmen des barrierefreien Ausbaus aller Hamburger U-Bahnhöfe der Einbau des Fahrstuhls.

Vor dem Laden von Herrn Malik unzählige bunte Sträuße, die das Auge erfreuen. Schon immer, sagt er, habe er in dieser Branche gearbeitet. Er weiß nicht, wie es weitergehen soll. Nach wie vor wartete er darauf, dass ihm der HVV sagt, wie lange die Bauarbeiten dauern, dass man ihm einen neuen Mietvertrag anbietet, ihm für die Übergangszeit einen provisorischen Pavillon auf der Straße zuweist. Doch er bekommt keine Auskunft. „Die sagen gar nichts“, meint er. Seine Not ist unübersehbar. Zwei Angestellte hat er. Offen, ob er sie weiter beschäftigen kann.

Ich will der Sache auf den Grund gehen, rufe Herrn Vohl von der Pressestelle des HVV an. Mehr als das, was in der Zeitung gestanden hätte, wisse er über die Angelegenheit auch nicht, erklärt er mir, ich solle mich doch bitte an Frau Krstanowski von der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation wenden, die für die Umsetzung der Bauvorhaben zuständig sei. Gesagt, getan. Auch hier bemerke ich, dass das Wort „U-Bahnhof Klosterstern“ zu einem Reizwort geworden ist, sodass ich, nachdem ich meine Anliegen vorgebracht habe, sofort ein paar beschwichtigende Wort hinterherschiebe, um meinem Gesprächspartner klar zu machen, dass ich nicht auf Konfrontation aus bin, sondern bloß eine sachliche Auskunft wünsche. Freundlich erklärt mir Frau Krstanowski, ich möge doch bitte die Hamburger Hochbahn anrufen, hier würde ich Auskunft bekommen. Und tatsächlich, endlich bin ich bei der richtigen Adresse gelandet. Auch hier sofort wieder Abwehr, als nur das Wort  „Klosterstern“ fällt, und ich bemühe mich um Schadensbegrenzung. – Wenn ich eines beim Konflikt um dieses Bauprojekt gelernt habe, dann übereilige Parteinahme zu vermeiden. Sich ruhig die Argumente aller Seiten anhören und dann abwägen ist die Devise, gilt eigentlich immer...

Nachdem Herr Kreienbaum von der Pressestelle mit dem zuständigen Kollegen Rücksprache gehalten hat, ruft er mich an und erklärt mir die Lage aus Sicht der Hamburger Hochbahn: Man habe mit den Mietern, also Herrn Malik und Herrn Taneja, bereits letzten Sommer gesprochen und ihnen gesagt, dass man ihnen leider keine verbindliche Aussage über die Dauer der Bauzeit geben könne, da man noch nicht wisse, in welchem Zustand die Bausubstanz sei und wie lange man für die Sanierung brauche. Erst wenn die Bausubstanz gesichtet worden wäre, würde man sich auch für die endgültigen Pläne zur Gestaltung der Schalterhalle entscheiden können. Einen neuen Mietvertrag könne man Herrn Malik und Herrn Taneja daher jetzt noch nicht anbieten. Auf jeden Fall würde man aber, sobald man näheres wüsste, wieder auf sie zugehen. Es wäre doch unredlich, irgendwelche Zusagen zu machen, die man nicht einhalten könne, betont Herr Kreienbaum mehrmals, – offensichtlich bemüht mir klarzumachen, dass das Unternehmen sich seiner moralischen Verantwortung durchaus bewusst ist.

Tja. Ende des Jahres soll der Umbau auf jeden Fall abgeschlossen sein. Nicht immer während dieser Zeit soll es möglich sein, den U-Bahnhof Klosterstern vom Eppendorfer Baum aus zu betreten. Mal sehen, was wird.

Elena Raulf

Über mich

Ich bin Autorin, Schriftstellerin, Künstlerin, wohne und arbeite in Harvestehude. An dieser Stelle berichte ich einmal wöchentlich freitags Neues, Altes, Ernstes und Unterhaltsames aus dem Viertel.

Feuersbrunst am Eppendorfer Baum ​

Lodernde Flammen am Horizont. Es ist der erste Samstagmorgen im neuen Jahr und ich denke, ich sehe nicht recht. Ich kann nicht einschätzen, wie weit entfernt das Feuer ist. So hoch wie es brennt, scheint es nah zu sein, aber wie sich herausstellt, als ich mit großen Schritten vom Klosterstern den Eppendorfer Baum hinuntergehe, ist es das doch nicht. Noch hinter der Hegestraße, direkt gegenüber dem Edeka Schlemmer Markt, ist der Dachstuhl eines Mehrfamilienhauses in Brand geraten.

Die meisten haben darüber sicherlich in der Zeitung gelesen, daher nur kurz die Fakten: Gegen halb elf am zweiten Januar bricht im Dachstuhl des Hauses Eppendorfer Baum Nummer 36 ein Feuer aus. Die Bewohner bemerken es schnell und haben sich, teils noch in Bademantel, schon vor der Haustür versammelt, als die Feuerwehr eintrifft.

Als ich den Ort des Geschehens erreiche, wird das Feuer bereits von einer Drehleiter aus bekämpft – und das scheinbar mit Erfolg. Es schwelt er nur noch, und ich bin erstaunt darüber, wie schnell hier Abhilfe geschaffen werden konnte. Normalerweise hätte ich nur einen kurzen Blick auf das Unglück geworfen und wäre weitergegangen, aber da ich ja neuerdings die Rolle einer Journalistin bekleide, wie mir plötzlich bewusst wird, bleibe ich stehen und mache ein paar Fotos.

Und ich bin nicht allein. Der Fußgängerweg ist schwarz vor Schaulustigen. Überall werden Handys hochgehalten. Vielleicht, um sich die Bilder später nochmals gemütlich daheim bei einer Schale Erdnusslocken anzuschauen? Vielleicht werden sie ja auch in sozialen Netzwerken gepostet, nach dem Motto: Ich war dabei! Nachdem ich genug Bildmaterial gesammelt habe, gehe ich nach einem Abstecher in den Eppendorfer Weg zurück zum Edeka Schlemmer Markt, um fürs Wochenende einzukaufen. Noch nie habe ich den Laden an einem Samstagvormittag so leer gesehen... Die Kassiererin kann schon mit einem Gerücht über die Brandursache aufwarten: Eine Lampe auf dem Dachboden soll umgefallen sein und eine Matratze in Brand gesetzt haben. Eine Vermutung, die auch später so ähnlich in der Zeitung zu lesen sein wird.

Fast wieder zu Hause fällt mir ein, dass ja noch den einen oder anderen interviewen könnte. Ach ja. Auf dem Rückweg springt mir eine Werbung auf einem parkenden Bus ins Auge: „Feuer und Flamme für Olympia in Hamburg“. Ein Slogan, der mir angesichts der Ereignisse recht unglücklich gewählt erscheint. Vor Ort haben sich mittlerweile etliche Feuerwehrmänner, viele mit Atemschutzmasken, versammelt. Ich tippe auf hundert und liege mit meiner Schätzung gar nicht so falsch. 120 Feuermänner mit 7 Löschzügen sind ausgerückt, um den Brand, der immer wieder aufflammt und auf die Nachbarhäuser überspringen zu droht, zu bekämpfen. Ich höre etwas von Brandstufe 4, was mir natürlich nichts sagt, aber da es nur 5 Brandstufen gibt, wie ich erfahre, muss es schon schlimm sein, schlimmer als es jetzt für mich aussieht. Auch sind es nun drei Drehleitern, von denen aus agiert wird.

Ich komme tatsächlich mit einem der Bewohner des Hauses ins Gespräch und drücke ihm meine Karte in die Hand. Vielleicht mag er mir ja mal erzählen, wie es ihm so ergangen ist. Falls er sich nicht meldet, könnte ich es ihm nicht verdenken. Er und die übrigen Bewohner der elf Wohnungen dürfen fürs erste das Haus nicht mehr betreten, wie später zu lesen ist, und müssen auf unbestimmte Zeit im nahe gelegenen Hotel Smolka ausharren. Nicht die schlechteste Adresse, um Asyl zu finden, dennoch haben sie sicher andere Sorgen, als sich irgendwelchen Leuten von der Presse anzuvertrauen.

Apropos Presse. Die sind natürlich, von mir kleinem Licht mal abgesehen, auch gleich zur Stelle. Ich höre den einen zum anderen sagen, falls er Interesse an einem Promi-Gaffer habe, da drüben stehe... Der Name des Promis wird hier nicht verraten, viel bemerkenswert finde ich, dass er den Ausdruck Gaffer im selben Atemzug wieder zurücknimmt. Also eigentlich seien das ja gar keine... Tatsache jedoch ist, genau das wird hier getan: gegafft – und ich mittendrin... Einmal kommt auch ein Bürger von anderer Gesinnung des Weges. Hoch erhobenen Hauptes schreitet er durch die geifernde Meute, erhebt laut seine sarkastische Stimme: „Du meine Güte, es brennt, da muss man natürlich stehen bleiben!“ Seine Worte verhallen (fast) ungehört.

Dann wieder das: Ein älterer Mann spricht mich von der Seite an: Schrecklich, nicht wahr?, sagt er und seine Augen leuchten vor Freude wie die eines Kindes beim Geschenkeauspacken. Endlich was los! Allgemein herrscht kleine schlechte Stimmung. Mir scheint, man fühlt sich auf eine Weise bestens unterhalten. Und dann passiert das Spektakel auch noch an einem Samstagvormittag, zur besten Primetime sozusagen. Fehlt nur noch, dass Glühwein ausgeschenkt wird.

Für einige Tage ist der Abschnitt des Eppendorfer Baums zwischen Hegestraße und Eppendorfer Landstraße voll gesperrt, dann teilgesperrt, sodass wieder Autos fahren können. Das Dachgerippe ist mit Planen abgedeckt, vor dem Haus rattert zunächst ein Generator, um das Löschwasser aus dem Gemäuer zu pumpen und Mitte der Woche steht schon ein Gerüst vor dem Haus. Nach wie vor sind die Läden in unmittelbarer Nähe geschlossen. Es sind acht Stück, wie ich nachzähle, und ich bin sicher, dass die Betreiber von dieser Zwangspause auch nicht gerade begeistert sind.

Elena Raulf

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Kaffeehausleben​ ​

Mari Ann Simon hat eine große Leidenschaft: das Schreiben. Ihr erstes Buch „Schrei(b)k(r)ampf“ hat bereits 362 Seiten – es ist sowohl als Print als auch als E-Book erschienen –, mit dem nächsten, das noch nicht einmal fertig ist, ist sie schon jetzt bei Seite 500. Ganz in der Tradition der alten Literaten kommen ihr die besten Ideen im Café, weswegen sie gerne zum Eppendorfer Baum schlendert und in einem der hier ansässigen Etablissements ihren Laptop aufschlägt.

Je nach Stimmung kehrt sie entweder im Savory Bistro ein oder im Balzac Coffee, ehemals World Coffee, direkt am Isebekkanal. Das heißt, neuerdings hat sie noch ein drittes Café, das sie zu ihren Favoriten zählt, die Kaffeerösterei Elbgold, die ihre Erfolgsgeschichte fortschreibt und seit Mitte Dezember ihre Zelte direkt neben dem Balzac Coffee aufgeschlagen hat. Und manchmal, an guten Tagen, wenn absolut nichts sonst ansteht, kann es schon mal passieren, dass Mari Ann ihre Wirkungsstätten nacheinander abklappert und mehr als den halben Tag im Café verbringt. – Wenn das Schreiben gut läuft und für ausreichend Kaffeenachschub gesorgt ist, kann man schon mal die Zeit vergessen...

Wenn ihr morgens der Sinn nach einem ausgiebigen Frühstück steht, beginnt sie den Tag gerne am Savory Bistro. Was ihr hier besonders gut gefällt ist die Außenterrasse, auf der man selbst bei ungünstiger Wetterlage – Decken und Heizstrahlern sei Dank – an seinem Croissant knabbern kann. Hierhin flüchtet sie sich auch, wenn mal wieder eine Damenriege im Café ihr Kränzchen abhält und sie zur unfreiwilligen Zuhörerin jedes ihrer Worte wird. Wobei es gelegentlich auch umgekehrt ist und sie genau aus diesem Grund sitzen bleibt und sich vom Geplauder am Nebentisch inspirieren lässt.

Mari Ann hat es aber auch gern großzügig, mit viel Platz und Helligkeit. Am solchen Tagen ist das Balzac Coffee genau das Richtige. Seine Ecklage mit Fensterreihen zu zwei Seiten, einem schönen Blick auf den Kanal und dem lichten Gastraum lässt die Klaustrophobikerin in ihr aufatmen. Hier ist auch noch mehr los, das Publikum durchmischter: Schüler vom nahe gelegenen Gymnasium Eppendorf in der Hegestraße strömen in ihren Pausen oft an den Tresen, um sich einen Coffee to go oder einen Snack zu holen, aber auch Hausfrauen, Werber, Geschäftsleute, und nicht zu vergessen andere Literaten. – Man kennt sich und nickt sich kurz zu, bevor man sich in seine Arbeit vertieft.

Eine ganz andere, gediegenere Atmosphäre empfängt sie hingegen im Elbgold, an dem sie anfangs vorbeigegangen war, da noch kein Schild am Laden hing (und es hängst immer noch nicht!). Interessanterweise scheinen sich Elbgold und Balzac Coffee keine Konkurrenz zu machen, in beiden Lokalen ist es stets proppenvoll. Im diesem neuen Lokal sind die Wände schwarz und gold, das Publikum passend zum Anstrich mehr businesslike. Mari Ann schätzt den wirklich ausgezeichneten Kaffee, wobei die Sandwiches und Kuchen etc. ebenfalls vorzüglich sind und nach ihrem Geschmack von allen drei Cafés in dieser Hinsicht das höchste Niveau bieten. Ihren Laptop packt sie hier allerdings nicht aus, es gibt kein W-LAN, und sie beschränkt sich aufs Notizenmachen.

Hin und wieder verlässt Mari Ann den Eppendorfer Baum auf ihrer Kaffeehaustour aber auch, dann zieht es sie hin zur Marsbar einige Minuten entfernt am Straßenbahnring/Ecke Falkenried. Hier am Tresen zu stehen hat für sie eine besondere Bedeutung: Das denkmalgeschützte Pförtnerhäuschen der ehemaligen Straßenbahn-Hauptwerkstatt Falkenried, in dem das Lokal seit 2004 untergebracht ist, ist ein Schauplatz ihres neuesten Romans.

Elena Raulf

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Eppendorfer Baum-Connections​ ​

Dieses Jahr hielt eine Überraschung für mich bereit. Seit ich am Eppendorfer Baum wohne hatte zwar mit dem einen oder anderen Nachbarn Kontakt, jedoch nicht allzu sehr. Dies hat sich nun gründlich geändert, zum einen durch meine Kolumnentätigkeit, zum anderen durch meine Mitarbeit in der Bürgerinitiative „Rettet den Klosterstern“.

Ich besuche Holger Bracker vom Weinhaus Gröhl in seinem Büro. Wir kannten uns nun schon durch unsere Kinder, die in eine Klasse gingen, aber so viel, wie in den letzten Wochen haben wir uns in den Jahren davor gewiss nie unterhalten. Im Dezember mache er 25 % seines Jahresumsatzes, erzählt er mir, das dürfe ich ruhig schreiben. Und er wundert sich immer wieder, dass die Kunden am Heiligabend kurz vor Ladenschluss das Geschäft stürmten – Als hätten sie nicht Zeit genug gehabt, die Alkoholika früher zu besorgen. Er lacht. Zum Glück sei er auf den Ansturm vorbereitet, mobilisiere jede Arbeitskraft, die er bekommen könne.

Ich frage ihn nach der Einzelhändlergemeinschaft „Lust auf Eppendorf“, die in den letzten Jahren mit Aktionen wie z. B. den „Eppendorfer Sommerabend“ auf sich aufmerksam machte. Da konnte man, begleitet von den Wohlklängen eines eigens engagierten Pianisten, bis 22 Uhr einkaufen; ein Teil des Umsatzes des Abends wurde für den wohltätigen Zweck gespendet. Oder ein weiterer Punkt auf der Agenda: die Bepflanzung der Beete vor den Geschäften oder die Weihnachtsbeleuchtung. – Gibt’s nicht mehr, sagt er, beziehungsweise, die Gemeinschaft hat sich den neuesten Entwicklungen angepasst und ist zur Initiative „Rettet den Klosterstern“ geworden, der nicht mehr nur Einzelhändler angehören.

Und ja, man hätte sich mehr Engagement seitens der anderen Händler gewünscht, sowohl früher als auch jetzt. – Ähnliches kann auch ich sagen: In „unserem“ Bemühen, die undurchdachten Bauvorhaben der Stadt zu stoppen, hätte ich mich ebenfalls über etwas mehr Einsatz oder zumindest Interesse von Anwohnern gefreut. Auf der anderen Seite weiß ich selbst, wie schwer es ist, neben einem häufig stressigen Alltag – zumal vor Weihnachten – noch Zeit zu finden für derartige Aktivitäten oder überhaupt für solche Themen offen zu sein. Und der Kampf ist ja auch noch nicht vorbei und der eine oder andere wird sich der Initiative sicher noch anschließen.

Gerne erinnere mich an unsere konspirativen Treffen vornehmlich im Weinhaus Gröhl, zu denen dann doch oft die unterschiedlichsten Menschen zusammenkamen. Nun konnte man das bekannte Gesicht endlich einem Namen zuordnen! Eine schöne Erfahrung, wie auch Holger Bracker findet. Und wer mir Anfang des Jahres gesagt hätte, ich würde in ein paar Monaten gemeinsam mit Klaus-Peter Siegloch, ehemals Anchorman beim ZDF, auf dem Eppendorfer Baum stehen und Flugblätter verteilen, dem hätte ich wohl kaum geglaubt.

Später fahre ich noch mit der U-Bahn in die Stadt. Beim Hinuntergehen in die Station winke ich Herrn Taneja in seinem Kiosk zu. Für März sei ihm wegen der anstehenden Umbauten im Bahnhof bereits gekündigt worden, und er wisse nicht, wie es weitergehen solle, erzählte er mir neulich, was mich sehr betroffen machte. Er erzählte mir aber auch, wie sehr ihn mein kleiner Artikel über ihn und seinen Kiosk gefreut habe, dass ihm das etwas bedeute. Und ich denke, wenn ich allein das mit meiner Kolumne erreichen konnte, dann bin ich schon froh... - Guten Rutsch, liebe Leser, auf neue wunderbare Überraschungen in 2015!

Elena Raulf

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O Tannenbaum​ ​

Weihnachtszeit, Weihnachtsbaumzeit. Alle Jahre wieder fällt mir im Laufe des Dezembers plötzlich siedendheiß ein, dass das Wichtigste für den Heiligabend noch fehlt: der Baum. Denn ein Fest ohne – undenkbar! Zumindest für meine Kinder, auch wenn sie längst aus dem Kindergartenalter raus sind. Also nichts wie los...

Zum Glück ist diese Aktion nur mit geringem Aufwand verbunden, denn direkt vor meiner Tür sozusagen, an der Kreuzung Eppendorfer Baum, Hochallee und Isestraße, vor dem Savory Bistro hat die Firma Hellmut Schwarz, Tannenbaumverkauf, ihren kleinen Wald aus Nordmanntannen aufgestellt. Hier bekommt man Bäume in der Größe zwischen einem Meter und fünf Meter fünfzig. – Na, ganz so groß muss er nicht sein, aber zu klein auch nicht angesichts einer fast vier Meter hohen Zimmerdecke. Ich entscheide mich also für ein sehr schön gewachsenes Exemplar von ungefähr zwei Meter fünfzig.

1955, das Jahr, in dem das Geschäft mit den Bäumen an exakt dieser Stelle begann, bekam man einen 3-Meter-Baum noch für drei Mark, wie mir Herr Frehe, der hier winters immer steht, erzählt. Das waren noch Zeiten! Heute lege ich für meinen Baum inklusive Lieferservice 60 Euro hin. Da fährt einer lieber vor die Tore Hamburgs und fällt sich einen für den Eigenbedarf. In Ordnung, für mich kommt das nicht in Frage, also zahle ich. Und ich kann  nicht meckern: geliefert wird zuverlässig und die Qualität ist stets ausgezeichnet.

Verkauft werden hier mittlerweile nur noch Nordmanntannen. In den Anfängen war das anders, wie ich erfahre, da gab es Fichten, Blau- und Nobilistannen im Angebot. Aber da alle diese Bäume zu schnell trockneten und folglich nadelten wurden sie im Laufe der Jahre gegen eine haltbarere Neuzüchtung der Nordmanntanne ersetzt. Die Firma Schwarz bezieht diese aus Schleswig-Holstein.

Am 10. Dezember bauen sie ihre Baumausstellung auf, früher ist dies aus behördlichen Gründen nicht möglich. In dieser Zeit erhalten sie zwei Mal eine Lieferung, sodass es passieren kann, wie mir letztes Jahr im Vorbeigehen auffiel, dass kurz vor dem Fest an dieser Ecke, wo gerade noch das Wintergrün grünte, nur wieder graue Gehwegplatten zu finden sind.

Damals beglückwünschte ich mich dazu, noch rechtzeitig an dieses wichtiges Weihnachtsaccessoire gedacht zu haben, und auch diesmal verschaffte es mir ein gutes Gefühl, zu wissen, dass er auf dem Balkon schon auf seinen großen Auftritt wartet: UNSER Baum. In diesem – entspannten – Sinne wünsche ich Ihnen allen ein schönes Weihnachtsfest!

Elena Raulf

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Unermüdliche Aktivisten für den Weltfrieden​ ​

Das Jungfrauenthal, eine Straße, gesäumt von Villen und prächtigen Mietshäusern. Gewiss würde niemand vermuten, dass hier die Deutsche Friedensgesellschaft – Internationale der Kriegsdienstgegner einen Sitz hat. Vor einigen Jahren war ich auf ein Schild im Vorgarten eines dieser Häuser aufmerksam geworden, das zu einem Infoabend einlud. Neugierig war ich hingegangen, hatte einen interessanten Abend im Gespräch mit Günther Kahl, einem der Geschäftsführer der Gesellschaft verbracht.

Nun treffe ich Günther Kahl wieder. Die Infoabende finden mittlerweile nicht mehr regelmäßig, sondern nur noch zu ausgewählten Terminen statt. Er berichtet mir, dass die DFG - IDK, ein deutscher Zweig der War Resisters International (WRI) mit Sitz in London, ihre Ursprünge in der 1892 gegründeten Deutschen Friedensgesellschaft hat, der ältesten Organisation der deutschen Friedensbewegung. Bertha von Suttner, die 1905 als erste Frau mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, war Gründungsmitglied. Günther Kahl selbst ist seit Anfang der 60er Jahre dabei. Seit Wiedereinführung der Wehrpflicht 1956 lag der Schwerpunkt der Friedensarbeit auf der Beratung und Begleitung von Wehrdienstverweigerern. In den friedensbewegten 80er Jahren erlebte die Gesellschaft wie viele andere vergleichbare Organisationen eine Blütezeit. Mit Abschaffung der Wehrpflicht – in Friedenszeiten – im Jahr 2011 änderte sich vieles. Heute würden Berufssoldaten auch weiterhin bei der DFG - IDK Hilfe finden, wenden sich aber tatsächlich nur selten an sie.

Die Gesellschaft ist unabhängig, steht keiner Partei nahe. Diesen Monat noch ist ein Mitgliedertreffen zum Thema „Zuwanderung“ geplant. Die Arbeit geht also weiter, im Vordergrund stehen jetzt allgemeine Informationsveranstaltungen, manchmal in den eigenen Räumen, manchmal auf öffentlichen Veranstaltungen wie der Aktivoli-Freiwilligenbörse, die im Februar wieder in der Handelskammer stattfinden wird, oder auch auf der Straße. Günther Kahl und seine Mitstreiter haben keine Scheu, sich samstags mit Flugblättern auf der Mönckebergstraße zu postieren. „Krieg ist kein Spiel, sondern furchtbare Wirklichkeit“ steht auf dem Flugblatt, das sie in diesem Jahr zu Weihnachten verteilen und das dazu aufruft, Kindern keine Kriegsspielzeuge und gewaltverherrlichende Computerspiele zu schenken. Ein Anliegen, das angesichts einer Realität, in der Gewalt auf allen Kanälen selbstverständlich geworden ist, geradezu rührend und anachronistisch wirkt.

Das ist auch Günther Kahl bewusst, entmutigen lässt er sich davon dennoch nicht. Der Beitrag der Deutschen Friedensgesellschaft – Internationale der Kriegsdienstgegner zum Weltfrieden, nach wie vor erklärtes Ziel – und man mag das Wort kaum mehr benutzen, so illusionsbehaftet kommt es einem vor – ist klein, aber es gibt ihn und das reicht. Dass er selbst noch Zeuge der Nazi-Schreckensherrschaft geworden ist, erklärt seine Motivation. Dass den nachgeborenen Generationen hierzulande oftmals der Sinn für den Wert des Friedens verloren geht, ist eine Gefahr. Umso wichtiger, dass die Friedensarbeit weitergeht.

Elena Raulf

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Umbau des U-Bahnhofs Klosterstern​

Große Veränderungen stehen an. Schon im März nächstens Jahres soll mit dem Umbau des U-Bahnhofs Klosterstern begonnen werden. Geplant ist neben einer Tunneldecken- und Schalterhallensanierung der Einbau eines Fahrstuhls. Letztere Maßnahme geht auf ein Gesetz zurück, das besagt, dass bis zum Jahr 2022 alle Hamburger U-Bahnstationen in den Zustand der Barrierefreiheit versetzt werden müssen. Im Sommer 2016 sollen die Umbauarbeiten beendet sein.

Mittwochabend tagte im Bezirksamt Eimsbüttel am Grindelberg zu diesem Thema der Verkehrsausschuss. Vor einigen Monaten hatte bereits der Kerngebietsausschuss eine öffentliche Sitzung hierzu einberufen. Anwesend waren Vertreter aller Parteien, aber auch Vertreter der Hochbahn, der Polizei und des LSBG (Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer). Ausdrücklich waren zu diesem Termin auch Anwohner und Geschäftsleute geladen, und tatsächlich waren viele der Einladung gefolgt, der Sitzungssaal war voll. Unter ihnen auch die Initiatoren der neu gegründeten Bürgerinitiative „Rettet den Klosterstern“, die den geplanten Standort des Fahrstuhls – nicht den Einbau des Fahrstuhls selbst, wie sie betonen – scharf kritisiert.

Und in der Tat räumt der Sprecher des von der Hochbahn mit dem Einbau des Fahrstuhls beauftragten Unternehmens ein, dass der geplante Standort direkt auf der Einmündung Klosterstern/Eppendorfer Baum auf der jetzigen äußeren südlichen Fahrspur, einen großen Nachteil mit sich bringen würde: Er hätte umfangreiche Baumaßnahmen in diesem Abschnitt der Straße zur Folge. Detailliert legt er anhand diverser Pläne, die übrigens im Internet zugänglich sind, dar, dass sie aufgrund verschiedenster, insbesondere auch baurechtlicher Gründe jedoch zu keiner anderen Lösung kommen konnten. Im Anschluss referiert die LSBG über die anstehenden Umbauten auf dem Eppendorfer Baum, wobei in der anschließenden Diskussion die erheblichen Schwächen dieses Vorhabens deutlich werden.

Die notwendig gewordene Verschmälerung der Fahrbahn von dreispurig auf zweispurig sowie die Verlegung des Fahrradweges und einer Bushaltestelle auf die Straße stellen ein regelrechtes Verkehrschaos in Aussicht. Vor allem Busse, die nicht mehr in Haltbuchten ausweichen können, würden den Verkehr zum Erliegen bringen ebenso wie Lieferwagen, die auf der Straße parken müssen, da 50 m Lieferzonen wegfallen. Ladeninhaber fragen in der an diesem Abend besorgt, wie ihre Geschäfte denn überhaupt noch beliefert werden sollen. – Eine berechtigte Frage. Betretenes, aber auch betroffenes Schweigen seitens der städtischen Vertreter. Man erwägt, die bestehenden Pläne nachzubessern. Fraglich, ob das wirklich reicht.

Die Initiative „Rettet den Klosterstern“ fordert daher die Aussetzung des Planfeststellungverfahrens zum Umbau des U-Bahnhofs Klostersterns. Sogenannte Einwendungen von Seiten von Ladeninhabern und Hauseigentümern wurden vorgebracht. In einer öffentlichen Sitzung der Planfeststellungsbehörde Anfang nächsten Jahres wird darüber diskutiert und anschließend entschieden werden, ob es zu einer Nachbesserung kommt oder nicht doch schon im März mit dem Umbau begonnen wird.

Dabei geht es der Initiative nicht nur um die Baumaßnahmen in dem Teilabschnitt des Eppendorfer Baums, sondern auch um Ideen des Bezirks und der Politik, den Klosterstern am Anschluss selbst umzubauen. Für die Anwohner würde diese Verlängerungen der Bauzeit eine weitere Belastung darstellen. Schlimmer noch, es liegen Pläne vor, den äußeren Parkring umzubauen und die auf ihm stehenden Bäume zu fällen. Auf jeden Fall stünde eine beträchtliche Verringerung der Parkplätze an. Hier ist noch nichts entschieden.

Sinnvoller wäre nach Ansicht der Initiative, den Baubeginn zu verschieben und unter Einbeziehung der Bürgerinteressen ein einheitliches Planungskonzept für Eppendorfer Baum und Klosterstern zu schaffen, - falls für letzteren überhaupt Änderungsbedarf besteht, was auch nochmals zu prüfen wäre; zudem ließe sich für den Fahrstuhl möglicherweise doch noch ein besserer Standort finden. Es bleibt spannend.

Elena Raulf

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Kirchbesuch

Weihnachten naht, Grund genug, einmal das Harvestehuder Gemeindeleben zu erforschen. Ich startete meine kleine Erkundungstour letzten Sonntag in der Katholischen Kirchengemeinde Sankt Elisabeth in der Oberstraße. An diesem Sonntag, dem sogenannten Christkönigsonntag, wurde das Ende des Kirchenjahres gefeiert. Und die Kirche war voll: Familien, Einzelpersonen, Ältere, Jüngere. -  Hier und heute zumindest war von Mitgliederschwund nichts zu merken.

Die Kirchengemeinde Sankt Elisabeth ist eine von 24 katholischen Pfarrgemeinden in Hamburg und gehört zum Erzbistum Hamburg, das flächenmäßig größte Bistum in Deutschland, da neben Hamburg auch noch Schleswig Holstein und der Landesteil Mecklenburg von Mecklenburg-Vorpommern dazugehören. Diese Gemeinde ist neben der evangelischen Hauptkirche St. Nikolai am Klosterstern, die im Viertel sehr präsent ist, die größte in Harvestehude und steht ihr in punkto Aktivitäten in nichts nach. Angeboten werden neben den üblichen Gottesdiensten in Deutsch auch Messen in Englisch (die einzige in Hamburg) und Spanisch sowie Seelsorge in allen drei Sprachen, es gibt Programme für Kinder, Jugendliche, Senioren, um nur das Wichtigste zu nennen.

Pfarrer Klaus Alefelder hat an diesem Tag einen alten Freund und Kollegen mitgebracht, Klaus Warning, der vor vielen Jahren einmal Kaplan von St. Elisabeth war. Er hat das Modell eines Flügelaltars mitgebracht und nimmt eines der Bilder darauf zum Anlass, über das Thema der Mildtätigkeit zu sprechen. Das gelingt ihm sehr gut, ich fühle mich informiert und unterhalten zugleich. Überhaupt ist der ganze Gottesdienst im besten Sinne unterhaltsam. Es fängt an mit der schönen Orgel- und Trompetenmusik, geht weiter mit verschiedensten kurzen Reden und Ansprachen, dem Singen, Beten, den Ritualen, bis hin zum Kinderchor, der niemals seine anrührende Wirkung verfehlt.

Nach der Messe gehe ich noch kurz hinüber in den Kindergarten, in dessen Räumlichkeiten heute ein Wohltätigkeitsbasar zu Gunsten der Benebikira-Schwestern in Ruanda stattfindet. Auch hier großer Bahnhof. Ein Duft von Kaffee und Kuchen weht durch die hohen Räume der Altbauvilla. In einem Nebenraum entdecke ich eines der wohl leckersten Büffets, die mir je untergekommen sind. Stolze Köchinnen sind eine Gruppe spanisch sprechender Frauen. Immerhin 33 % der rund 5.800 Gemeindemitglieder kommen laut Website aus – insgesamt 90! – anderen Nationen. Eine Multinationalität, die man hier vielleicht nicht erwartet hätte. Ich probiere noch einen der köstlichen selbstgebackenen Kuchen, die angeboten werden, dann verabschiede ich mich gut gelaunt ins Restwochenende. Ich habe an diesem Tag eine freundliche und offene Glaubensgemeinschaft erlebt.

Elena Raulf

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It's Yoga-time

Ein Schild auf der Straße weckt meine Neugier: „ananta Yoga Hamburg“. Es steht am Eppendorfer Baum zwischen Backhus und Hansetobacco. Ich hatte es vorher noch nie gesehen. Yoga am Eppendorfer Baum? Wunderbar, endlich mal ein Studio ganz in der Nähe, gleich mal ausprobieren! Und schon die Website nahm mich für sich ein: Ich hatte das angenehme Gefühl, hier ist ein Mensch mit dem Herzen dabei. Ein Eindruck, der sich vor Ort bestätigte.

Matina Ihmels, Leiterin des Yoga-Studios, packte die Leidenschaft für Yoga, wie sie mir ein paar Tage später persönlich erklärt, vor ungefähr zwölf Jahren, dann folgte noch eine Lehrerausbildung, die sie vor drei Jahren beendete. Seither unterrichtete sie vor allem in Fuhlsbüttel, seit Mai 2014 nun auch bei sich zu Hause am Eppendorfer Baum. Sie wolle das, was sie für sich entdeckt hat und war ihr Leben so bereichert, an andere weitergeben und mit ihnen teilen.

Sie unterrichtet Vinyasa Yoga, auch bekannt als Power-Yoga, eine Form des Yoga, die in den 80er Jahren in den USA entstand, und beim dem die Körperübungen mittels Atem verbunden werden, was zu einer größeren Dynamik der Abläufe führt als im herkömmlichen Hatha-Yoga. Das Yin-Yoga, in das Matina Ihmels uns, fünf Frauen, an diesem Abend in 90 Minuten einführt, ist noch neueren Datums. Es ist ein passiver Yoga-Stil, in dem die Übungen drei bis fünf Minuten gehalten werden. Das Besondere dabei: Durch die tiefe Dehnung auch tieferer Muskelschichten können darin gespeicherte Gefühle gelöst und harmonisiert werden. So kommt nicht nur der Körper zur Ruhe, sondern auch Geist und Seele.

Je öfter man übt, umso besser gelingt natürlich die Entspannung. Aber bereits an diesem Abend spüre ich erste wohltuende Wirkungen, und ich reserviere mir für nächste Woche schon mal einen Platz. Matina Ihmels kann maximal sechs Personen bei sich unterrichten, weshalb man sich unbedingt vorher anmelden sollte. Vom Unterrichtsraum aus, einem schönen Altbauzimmer mit Holzdielen, blickt man auf den Eppendorfer Baum. Nebenan leitet sie übrigens ihre Agentur kids für Kinder- und Jugenddarsteller, und gerade durch diese Zweigleisigkeit, so sagt sie mir, könne sie sich ihre Freude am Yoga bewahren. – Wer beim Yoga also Wert legt auf eine persönliche Atmosphäre und Betreuung, ist hier bestens aufgehoben.

Elena Raulf

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Vom guten alten Kiosk

Der gute alte Kiosk. Was für ein Glück, dass es ihn immer noch gibt. Zwar gleicht er oftmals schon eher einem mittelgroßen Supermarkt, doch vereinzelt existiert er noch in seiner ursprünglichen Form als kleines gemütliches Lädchen, wie wir ihn doch eigentlich so gerne haben: überschaubar, den Charme vergangener Zeiten atmend, mit einem bekannte Gesicht, das dich allzeit freundlich begrüßt. Ja, und auch das hat dieses Viertel noch zu bieten, allen geschniegelten Boutiquen zum Trotz, einen richtig guten alten Kiosk.

Vom Eppendorfer Baum aus geht man die Treppe zum U-Bahnhof Klosterstern hinunter und gelangt in einen düsteren Vorraum mit niedriger Decke und da ist es, gegenüber eines kleinen Blumenladens, vor dessen Tür bunte Blumensträuße das Auge erfreuen, das Reich von Raj Taneja. Vor fünfundzwanzig Jahren kam er mit seinen Eltern aus Indien, wuchs in Minden auf und nun steht er hier seit 2008, täglich bis auf sonntags, von sechs bis einundzwanzig Uhr, an Samstagen von halb neun bis halb acht. Da vermisst er schon manchmal die Sonne, das Licht, wie er zugibt. Nur gelegentlich vertritt ihn eine Aushilfe. Das Geschäft lebt von den Stammkunden, denn der U-Bahnhof Klosterstern ist ein vergleichsweise ruhiger Bahnhof. – Während wir da so stehen und plaudern, der Herr Taneja und ich, betritt eine Mutter mit Kind den Kiosk. Zielstrebig steuern sie auf das Herz des Ladens zu, die Süßigkeitenvitrine. Hier finden sich in durchsichtigen Plastikboxen grüne, zuckrige Apfelringe, schwarze Lakritzschnecken, Gummicolaflaschen und und und – Schnoopkram – wie der Hamburger sagt – vom Feinsten eben. Erstaunlich, wie schnell der kleine Junge seine Wahl getroffen hat, und es geht ans Bezahlen. Dabei, so meint Herr Taneja lachend, seien es meistens Erwachsene, die sich hier bedienen. Sollte ich überrascht sein? Das macht vielleicht auch einen Teil des Charmes eines Kiosks aus: Wenn man sich hier etwas Süßes in der Papiertüte kauft, fühlt man sich einen Moment lang zurück in die eigene Kindheit versetzt. – Mit etwas Sorge denkt Herr Taneja an den bevorstehenden Umbau des U-Bahnhofs, der voraussichtlich im Laufe des nächsten Jahr beginnen wird. Er wird bleiben mit seinem Laden, aber es kommen Kosten auf ihn zu. Und wie wird es werden? Was wird sich ändern?

Eines steht schon jetzt einmal fest: viel. Zum Guten sicherlich, der Bahnhof gewinnt neben einem Aufzug, der barrierefreien Zugang ermöglicht, an Attraktivität, aber es verschwindet eben auch ein Stück des alten, nicht so schönen Harvestehude. Nicht alles hat hier geglitzert, und wenn es nur noch glitzert, kann es schnell langweilig werden. Doch die Entwicklungen sind nicht aufzuhalten, die Stadt wird sich weiter verändern, natürlich nicht nur in diesem Viertel. Zum Abschied bietet mir Herr Taneja einen heißen Kaffee an, der den ganzen Tag über hier zu erhalten ist. Diesmal nicht, sage ich, es ist schon später Nachmittag und sonst liege ich die Nacht wach, und lehne dankend ab, aber nächstes Mal bestimmt. Dann stoßen wir gemeinsam auf die Zukunft an.

Elena Raulf

Über mich

Ich bin Autorin, Schriftstellerin, Künstlerin, wohne und arbeite in Harvestehude. An dieser Stelle berichte ich einmal wöchentlich freitags Neues, Altes, Ernstes und Unterhaltsames aus dem Viertel.

Vielfältiger als man denkt

Nächstes Jahr feiere ich Jubiläum. Dann wohne ich 25 Jahre in Harvestehude, zu deren prominentesten Straßen der Eppendorfer Baum gehört. Vom Klosterstern ausgehend reicht er bis in den Stadtteil Eppendorf, wo er an einer großen Kreuzung endet.

Herrschaftliche Altbauten mit den unterschiedlichsten Geschäften säumen die Straße, von exklusiven Boutiquen bis zum Supermarkt. Durchschnitten wird der Eppendorfer Baum von der U-Bahn, die hier oberirdisch auf einer alten Trasse fährt. – Ich muss immer noch lachen, wenn ich daran denke, wie ich einmal einen offensichtlich schwer beeindruckten Besucher dieses Viertels seiner Begleiterin zuraunen hörte: Hier wohnen nur Millionäre! Naja, nicht ganz... Aber es stimmt natürlich schon: das Viertel ist reich. Man sieht es den Häusern, den Geschäften, den Autos, den Menschen an. – Und damit steht es auch schon in der Kritik: alles und jeder hier sei protzig, angeberisch, oberflächlich.

Ich habe einen Freund (in Blankenese wohnend – ausgerechnet!), der mich regelmäßig mit angewidertem Gesichtsausdruck fragt, wie ich es denn hier in „Bonzentown“ bloß aushalten würde. Ich weiß natürlich was er meint, doch antworte ich ihm jedes Mal: Ich fühle mich hier wohl, ich empfinde es als Privileg, in diesem schönen Stadtteil leben zu dürfen. – Herrliche Häuser, viele Bäume, die Außenalster ist zu Fuß in wenigen Minuten zu erreichen, die Innenstadt mit Bus und Bahn ebenfalls. – Kein Tag, an dem ich nicht dafür dankbar bin. Zudem ist das Viertel vielfältiger als viele denken.

Zu Harvestehude, über das ich vorwiegend berichten werde, gehören eben nicht nur die schicken Geschäfte, sondern z. B. auch die weniger glanzvollen Grindelhochhäuser und die Hoheluftbrücke, gehört auch der NDR und wahrscheinlich bald ein Asylheim an der Sophienterrasse, gehören die Menschen, die jeden Tag hierher kommen, um zu arbeiten, gehören Menschen, die ihr Leben im Viertel verbracht haben und Interessantes aus vergangenen Zeiten berichten können, gehören auch Bürgerinitiativen. Gerade bei letzteren tut sich was.

Aktuelles Beispiel: Die Pläne zum Umbau des U-Bahnhofs Klosterstern im Zuge des barrierefreien Ausbaus der U-Bahnstationen, die umfangreiche Baumaßnahmen am Klosterstern und am Eppendorfer Baum beinhalten, beunruhigen sowohl Geschäftstreibende als auch Anwohner und erster Widerstand formiert sich. – Ich halte Sie auf dem Laufenden und hoffe, mit meinen kleinen Geschichten interessante Einblicke in die Vielfältigkeit dieses Viertels geben zu können.

Elena Raulf

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Ich bin Autorin, Schriftstellerin, Künstlerin, wohne und arbeite in Harvestehude. An dieser Stelle berichte ich einmal wöchentlich freitags Neues, Altes, Ernstes und Unterhaltsames aus dem Viertel.